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Jan: Eine Woche mit Zelt und Rucksack in Island – Part I

Ganz am Anfang gibt es den Moment, an dem ich es fast versaue – zumindest ein bisschen. Schlaftrunken wache ich im ICE auf, nachdem ich um halb fünf morgens aufgestanden und mich auf den Weg von Berlin nach Frankfurt gemacht habe. Gerade noch rechtzeitig sehe ich, dass ich aussteigen muss, 30 Minuten später stehe ich pünktlich am Flughafen. Und eben weil alles so glatt gelaufen ist – was nicht heißen soll, dass wir nicht an unsere Grenzen gekommen wären – hier ein ganz wichtiger Teil: Danke, lieber Sebastian, dass du dich so perfekt um alles gekümmert und alles organisiert hast! Letztlich ist es dir zu verdanken, dass wir (wegen Corona mit einem Jahr Verspätung) in Island gelandet und uns zusammen auf eine einmalige Reise begeben haben. (Hier könnt ihr auch Sebastians Reisebericht auf seinem tollen Blog RausKlickBoom.de nachlesen.) Mit Zelt und Rucksack eine Woche quer durch das Land, dem Laugavegur folgend, dem wohl bekanntesten Fernwanderweg Islands. Aber beginnen wir am Anfang.

Prolog – Samstag
Fliegen in diesen Zeiten – wer zuletzt Nachrichten gesehen hat, weiß, dass das schnell schiefgehen kann. Tatsächlich begegnen uns am Frankfurter Flughafen zunächst endlose Schlangen, wir bekommen kurz Panik und sehen dann, dass wir in ein anderes Terminal müssen. Dort ist die Lage entspannt. Gut drei Stunden später landen wir mit unseren Rucksäcken, Zelt, Schlafsack, Isomatte und Verpflegung für sechs Tage in Reykjavik. Die Hauptstadt des Landes ist klein, überhaupt leben in Island gerade einmal etwas mehr als 300.000 Menschen. Dafür kommen jedes Jahr Millionen Touristen, die vor allem eines erleben wollen: die einmalige und im Wortsinn unfassbare Natur. Entsprechend ist die Stadt eher unaufgeregt. Bevor wir uns in unserem Hostel hinlegen, um vor der Tour noch einmal Kraft zu tanken, gibt es Downtown einen Falafel-Döner und anschließend Cocktails. Wenn man darüber schreibt, klingt es seltsam, aber an dem Abend ergibt die Mischung für uns Sinn.

Randbemerkung: Ja, Island ist wirklich sehr, sehr teuer. Und kalt. 11 Grad und Nieselregen. Was die Einheimischen nicht davon abhält, draußen im T-Shirt auf der Wiese zu sitzen. Es ist ja schließlich auch Sommer.

Sonntag
Wieder früh raus, was Dank der Zeitverschiebung (Island hängt zwei Stunden hinterher) zum Glück nicht so tragisch ist. Zu Fuß geht es zum Bus, mit dem Bus zu unserem Startpunkt. Im Bus zeigt sich Island schnell von seiner einmaligen Seite. Lavafelder, meterhohe Wasserfälle, unzählige Vulkane, dampfende Erdlöcher (Fumarolen – falls jemand das wissen möchte). Das wofür anderswo Eintritt genommen würde, liegt hier einfach so am Straßenrand. Busse und Autos rauschen vorbei, die Landschaft wechselt von einem Pastellton zum nächsten, vorwiegend im Bereich Grün.

Am Zielort Skogafoss (wir gehen den Trail in umgekehrter Richtung und setzen noch eine Etappe davor), wollen wir eigentlich erst eine Tageswanderung machen, langsam reinkommen, lassen uns dann aber von der allgemeinen Stimmung und Euphorie der anderen Reisenden mitreißen: Kaum aus dem Bus gepurzelt, startet unsere Tour daher irgendwie unverhofft. 26 Kilometer sind es bis zum Etappenziel, doch fast jeder Schritt entschädigt. Wir laufen entlang eines Flusses bergauf, unzählige Wasserfälle, grüne Schluchten, haben sich in den Felsen gegraben. Je höher wir kommen, desto karger wird es, der Nieselregen hört auf, die Sonne zeigt sich – und als wir für ein paar Kilometer den Haupttrail verlassen und einem alternativen Weg folgen, sind wir plötzlich ganz allein. Der Blick geht kilometerweit, noch Stunden nach unserem Start können wir den Ausgangspunkt der Etappe erkennen. Schnell stellt sich ein komisches Gefühl ein, das mich auch für den Rest der Tour nicht ganz verlässt: Eigentlich hat der Mensch hier nichts verloren, es ist unwirklich und unwirtlich. Umso mehr, als wir schließlich wieder in dichtem Nebel landen und über Schneefelder laufen.

Obwohl viele Menschen unterwegs sind und der Weg perfekt gekennzeichnet ist, brauchen wir an einigen Stellen das Navi unserer Handys, um uns nicht zu verlaufen. Vom Berg und höchstem Punkt unserer Tour – mit etwa 1.100 Metern – geht es runter Richtung Tal, inzwischen schmerzen die Füße. Wie zuvor unseren Ausgangspunkt, können wir den Campingplatz schon stundenlang sehen, bevor wir ihn erreichen. Schnell kochen wir etwas, bauen die Zelte auf und kriechen in unsere Schlafsäcke. Die erste echte Übernachtung unserer Tour steht an.

Randbemerkung: Dadurch, dass Island so weit im Norden liegt, täuschen die Höhenangaben. Was hier 1.000 Meter sind, ist von Vegetation und Landschaft vergleichbar mit vielleicht 2.500 bis 3.000 Metern Höhe in den Bergen der Schweiz, Österreichs oder Italiens. Auch eine interessante Erfahrung, sich auf 1.100 Metern zu fühlen, wie beim hochalpinen Wandern.

26. Juli 2022

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