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Jan: Eine Woche mit Zelt und Rucksack in Island – Part II

Montag
Da wir durch unseren schnellen Aufbruch gestern einen Tag gewonnen haben, holen wir heute die verpasste Tageswanderung nach. Das Zelt bleibt in Porsmörk stehen, der Rucksack wird bis auf das Nötigste ausgepackt und wir erkunden das umliegende Tal und die Berge. Im Nachhinein die richtige Entscheidung. Unsere Füße danken uns – und wir werden mit außergewöhnlichen Ausblicken und einer einmaligen Landschaft belohnt. Immer wieder fühle ich mich wie in einem Film – was vielleicht daran liegt, dass in Island tatsächlich viele außergewöhnliche Einstellungen gedreht worden sind. Teilweise sieht Island aus, wie modelliert. Die Farben so unecht, die Felsen wie mit Airbrush nachgezeichnet, die Wiesen und moosbewachsenen Hänge wie mit Flock aufgetragen. Modellbau in ganz großem Stil. Später lerne ich, dass nach einem anstrengenden Tag mit Barfußschuhen (die brauchen wir später noch), auf dem Zeltplatz über Schotter zu laufen, mindestens so gut ist wie eine Fußmassage. Die Dusche hingegen muss heute ausfallen, es gibt kein warmes Wasser mehr.

Randbemerkung: Als es kurz vor dem Einschlafen anfängt zu regnen und meine Gedanken um einen nassen Schlafsack in einer nassen Hülle neben einem nassen, eingepackten Zelt kreisen, versuche ich mich an eine Lektion von gestern zu erinnern. Egal was später noch kommen mag, es ist noch nicht passiert. Wenn im Moment alles gut ist, dann ist es genau richtig so. Später ist später und wird sich noch zeigen. So schlafe ich ein, während draußen der isländische Regen niedergeht.

Dienstag
Heute wird wahr, wovor ich mich insgeheim gefürchtet habe. Regen. Wir müssen nass einpacken, das Zelt in eine Plastiktüte gestopft, um die restlichen Sachen im Rucksack zu schützen, auch der Schlafsack ist nicht wirklich trocken, als ich ihn in die Hülle packe. Der Tag beginnt mit Regenhose und Regenjacke und einem improvisierten Frühstück auf dem Klo, weil es anderswo keinen trockenen Platz gibt. Als die Rezeption öffnet, holen wir uns schnell einen heißen Kaffee, das ist schon besser. Während wir laufen, wird es trockener. Für die erste, von am Ende vielen Flussdurchquerungen, brauchen wir jetzt auch die Barfußschuhe. Schnell merke ich, wie leicht man selbst knietiefes Wasser unterschätzt. Es zerrt an meinen Beinen und würde mich am liebsten mitnehmen. Und es ist wirklich kalt – sehr, sehr kalt.

Die Landschaft wird karger, das Grün spärlicher, wir laufen durch Geröll- und über Lavafelder, immer umgeben von Vulkanen. Trotzdem ist alles nicht weniger spektakulär, nur eben anders. Auf dieser Etappe treffen wir viele Wanderer. Für die meisten, die den Weg umgekehrt gegangen sind, sind es die letzten Meter einer langen Tour – wir hingegen sind mittendrin. Während es tagsüber trocken bleibt, ziehen gegen Abend Regenwolken auf. Als wir nach einem letzten Anstieg das Tagesziel Botnar erreichen, bleiben uns am Campingplatz ein paar Minuten, um schnell die immer noch nassen Sachen aufzubauen. Dann geht der Regen los. Zusammen sitzen wir unter Sebastians improvisiertem Vordach, mit dem Hosenboden im Wasser, essen unsere tägliche Ration und schauen den Neuankömmlingen beim Auspacken zu. Respekt an den Iren, der im strömenden Regen in aller Seelenruhe sein Zelt aufbaut und es dabei auch noch schafft, dass irgendwie alles trocken bleibt. Um kurz vor acht Uhr gibt es nichts mehr zu tun. Im Schlafsack schaue ich noch eine Folge meiner Serie, die ich mir offline verfügbar gemacht habe, dann fallen mir die Augen zu.

Randbemerkung: Das ganze Camp ist unglaublich faszinierend gelegen und irgendwie fühlt sich alles an wie eine riesige Expedition – das Basiscamp einer außergewöhnlichen Bergbesteigung. Reisegruppen kommen an, im Gemeinschaftszelt kocht, wer einen Platz gefunden hat. Es läuft Musik, ein paar Leute tanzen, andere humpeln und lächeln die Blessuren ihrer Wanderung müde weg. Lange Schlangen vor dem Klo und den Duschen, vor einer abgefahrenen Bergkulisse.

Mittwoch
Ich wache auf, weil es warm wird im Zelt. Die Sonne scheint, es ist hell – überhaupt wird es um diese Jahreszeit in Island kaum wirklich dunkel. Über Nacht hatte ich die Innentür meines Zeltes offengelassen, so dass alles etwas trocknen konnte. Den Rest erledigt der leichte Wind, während wir Zähne putzen und unser Frühstück genießen. Den Füßen geht es gut und natürlich nehmen wir den kleinen Umweg mit, der zu dem, aus meiner Sicht, vermutlich besten Ausblick der ganzen Tour führt. Während Sebastian noch ein paar Meter weitergeht, sitze ich mit Blick über Island und auf die Gletscher in der Sonne und lerne eine Lektion Spanisch auf meinem Handy. Wie schön kann das Leben eigentlich sein?

Weiter geht es durch gebildhauerte Steinwüsten, mit erst einer und dann noch einer Flussdurchquerung – inzwischen fast schon Routine. Das Wetter bleibt fantastisch und bis auf die schmerzenden Schultern, genießen wir jeden Meter dieser Etappe. Der Campingplatz, den wir am Abend erreichen, liegt malerisch an einem See. Beim Abendessen kommen wir mit einem älteren, kanadischen Pärchen ins Gespräch. Die Beiden erzählen uns, dass sie seit mehr als zehn Jahren nie länger als zweieinhalb Monate an einem Ort waren, als Physiotherapeuten viel in Asien gearbeitet haben und ansonsten die Zeit vor allem zum Reisen nutzen. Ihr ganzes Hab und Gut tragen sie quasi bei sich in ihren Rucksäcken, nur einen kleinen Teil haben sie irgendwo gelagert. Inspirierende Gedanken, die mich später im Zelt in den Schlaf begleiten, während um mich herum noch gelacht und geredet wird.

Randbemerkung: Weil ich einiges trocknen und Dreck wegwischen musste, hat mein Handtuch inzwischen einen Status erreicht, an dem selbst ich mich nicht mehr damit abtrocknen möchte. Entsprechend fällt die Entscheidung, die komplette Tour auf eine Dusche zu verzichten, nicht schwer. Ehrlich gesagt gehört das für mich aber dazu, auch diese Erfahrung zu machen. Und da wir aus Gewichtsgründen quasi keine Wechselsachen dabei haben, sind Sebastian und ich auf der Tour beide sehr froh, separate Zelte zu haben.

28. Juli 2022

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